Die NaturFreunde Deutschlands fordern erneut, dass die Börsenberichterstattung erheblich zurückgefahren und dabei ungleich kritischer gestaltet wird: Medien sollten der computergesteuerten Börsenspekulation keine Bühne mehr geben. Die Politik darf sich nicht von den Spekulanten in die Enge treiben lassen, doch die große mediale Aufmerksamkeit erweckt in der Gesellschaft den Eindruck einer ungeheuren Relevanz des Börsenhandels. Die täglichen Kursschwankungen haben aber nur noch eine Aussagekraft für wenige Spekulanten, für das reale Wirtschaftsgeschehen sind sie irrelevant.
Die Wertpapierbörsen haben ihre volkswirtschaftliche Funktion längst verloren, die Wirtschaft mit Eigenkapital zu versorgen“, erklärt auch Prof. Gerhard Scherhorn, ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Scherhorn verweist darauf, dass sich die börsennotierten Unternehmen heute mehr über Anleihen und eigene Gewinne als über die Ausgabe von Aktien finanzieren: „Tatsächlich kaufen sie sogar mehr eigene Aktien zurück, als sie neue ausgeben.“ Die Börsen sind laut Prof. Scherhorn zum Spiegelbild einer computergesteuerten Spekulation verkommen, in der es nur noch darauf ankommt, um Sekundenbruchteile schneller zu sein als andere.
Doch eine Welt ohne Krisen und Kriege werde es nur geben, wenn wir die Geldhändler aus den Tempeln der Finanzwelt werfen – hatte auf der Konferenz von Bretton Woods schon des früheren US-Finanzministers Henry Morgenthau gefordert. Damals waren noch vor allem die britischen und amerikanischen Verhandlungsführer, unter anderem John Maynard Keynes, davon überzeugt , dass die Welt nur dann prosperieren kann, wenn der Realwirtschaft der Vorrang vor der Finanzwirtschaft gegeben wird: Die Finanzinstitute müssten dabei die Rolle eines Dieners übernehmen.
Doch Anfang der 1980er Jahre drehte sich dieses Verhältnis. Nach einer Phase außerordentlich hohen Wachstums in der Nachkriegszeit stagnierten die Volkswirtschaften, verbunden mit Inflation. Um zu hohen Wachstumsraten zurückzukehren, wurde einer börsengetriebenen Ökonomie der Boden bereitet, indem man durch Deregulierung der Finanzmärkte die unkontrollierte Geldvermehrung erleichterte und diese mit billigem Zentralbankgeld noch weiter aufputschte.
Die Rechnung dafür präsentieren die Krisen unserer Zeit. Neben den ökologischen Folgen dieser Wachstumspolitik sind es besonders die dramatischen Verschuldungstendenzen. Denn das Wachstum war zum großen Teil kreditfinanziert: ein Aufschwung auf Pump, eine Auszehrung der Zukunft. Und trotzdem ist es Unsinn, die Verschuldung zum Grund der Krisen zu machen. Die Ursachen der Krisen liegen vielmehr im Finanzkapitalismus selbst.
Finanzkapitalisten orientieren sich nicht am Wohl der Gesellschaft
Die Aufgabe der Politik ist es, Gesellschaft, Wirtschaft und Natur in ein dauerhaftes Gleichgewicht zu bringen und so das Wohl der Menschen zu mehren – nicht aber, einer verkommenen Marktideologie zu frönen. Was für einen Unsinn redet zum Beispiel Bundeskanzlerin Merkel, wenn sie “das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen” möchte. Finanzkapitalisten orientieren sich nun mal nicht am Wohl der Gesellschaft.
Wie tief sind auch die Medien gesunken, wenn sie permanent über die Börsenlage berichten, wenn die Nachrichten, ob nun im Radio oder im Fernsehen, der Spekulation immer wieder eine Bühne geben. Der Umfang der Shows der Spekulanten steht in keinem vernünftigen Verhältnis zu deren eigentlicher Bedeutung für die Realwirtschaft. Die NaturFreunde Deutschlands fordern deshalb erneut, dass die Börsenberichterstattung erheblich zurückgefahren und dabei ungleich kritischer gestaltet wird, etwa durch Sondersendungen über die Spekulation auf Nahrungsmittel und deren Folgen für das Überleben der Menschen in den Entwicklungsländern.
Sozialer Sprengstoff in den Ballungsgebieten
Die Spekulanten spielen mit Erwartungen. Die Realwirtschaft besteht aber eben nicht nur aus Psychologie und Erwartungen, sondern in erster Linie aus handfesten Investitionen und Innovationen. Darum sollte es auch in den Medien gehen und nicht um das Fingerzucken der flotten Gelddealer in den Tempeln der Finanzwelt von London und New York: Es wird Zeit, die Tatsachen wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Prof. Scherhorn warnt übrigens: „Die Politik muss der Vermögensinflation eine höhere Aufmerksamkeit widmen. Die Inflationsgefahr bildet sich heute weniger in den Konsumgüterpreisen als vielmehr im Steigen der Preise für reale Vermögenswerte wie Immobilien und Rohstoffe ab. Die Politik hat es aber nicht geschafft, die Gewinner der Finanzkrise an den Kosten zu beteiligen. So ist der weltweite Geldüberhang virulent geblieben, den die Politik durch die Deregulierung der Finanzmärkte ermöglicht hat.”
Und nochmals Scherhorn: „Heute drängt das viele Geld in reale Werte und bläht dort die Kurse auf. Die so entstehende Vermögensinflation bewirkt bereits steigende Mieten in den Ballungsgebieten. Hier kündigt sich sozialer Sprengstoff an, der dringend entschärft werden muss.”